Erstellt 20.01.10, 20:48h
Die Katastrophe zeigt auch die grundlegenden Probleme des Landes. Es wurde in der Historie fast systematisch heruntergewirtschaftet. Haiti war im Jahr 1804 dabei eines der ersten Länder, das sich für unabhängig erklärt hat. In der Folge musste das Land dafür aber an den ehemaligen Kolonialherren Frankreich hohe Reparationszahlungen leisten. Das hat schon damals das Land wirtschaftlich ausgeblutet.
Wie sah das aus?
Beispiel: Tropenhölzer. Damals wurden große Waldflächen gerodet, was entscheidend zur Verschlechterung der Böden beigetragen hat. Darüber hinaus musste das Land in großem Umfang seine landwirtschaftlichen Produkte billig nach Frankreich verkaufen, wie Zucker oder Rum.
Haiti galt mal durchaus als ein prosperierendes Land der Karibik. Was ist schief gelaufen?
Haiti wurde gar als die Perle der Karibik bezeichnet. Der Niedergang fing aber mit den Reparationszahlungen an. Dann gab es ganze Reihe von Präsidenten, die sich nicht lange im Amt hielten. Danach beherrschten über Jahrzehnte Diktatoren aus dem Duvalier-Clan, Francois und Sohn Jean-Claude, das Land. Sie haben es förmlich für ihre eigenen Profite ausgepresst. Davon hat sich das Land nie richtig erholt. Als der Armenpriester Jean-Bertrande Aristide 1990 gewählt wurde, hatte man zunächst Hoffnung auf transparente und gerechte Regierungsführung. Aber dies hatte sich schnell zerschlagen, weil auch unter Aristide Korruption und Vetternwirtschaft blühten.
Bis heute bestimmen wenige Familien-Clans, von denen viele im Ausland leben, die Politik und entscheiden maßgeblich über das wirtschaftliche Wohlergehen des Landes. Mit der zweiten demokratisch durchgeführten Wahl des Präsidenten René Garcia Preval 2006 schien sich die Lage allerdings zu bessern. Es gab erste Anstrengungen bezüglich struktureller Reformen und einer Dezentralisierung.
Ist Haiti vergleichbar mit anderen latein-amerikanischen Ländern?
Nein, es gibt dort bis heute kaum funktionierende staatliche Strukturen, kein Gemeinwesen, außerhalb größerer Städte keine ausgebauten Straßen, keine funktionierende Kommunalverwaltung, kein durchgängig staatliches Schulwesen und nur rudimentären Zugang zu staatlicher Gesundheitsversorgung. Es gibt zwar Schulen, aber die meisten sind kostenpflichtig, und deren Niveau ist nicht sehr hoch.
Warum existiert das alles nicht?
Die Machthaber haben nie Wert darauf gelegt, etwas für die Bevölkerung zu tun. Sie waren vorrangig an ihrem eigenen Wohl und Reichtum interessiert. Es gab so eine Haltung, wenn man an die Macht kommt, dann muss man möglichst viel für sich selbst mitnehmen. Das hat sich über Jahrzehnte so durchgezogen. Es ging nie um das Gemeinwohl.
Wie ist die soziale Lage in Haiti? Was heißt das für die Menschen?
Es gibt kaum eine Zivilgesellschaft, die ihre Bedürfnisse artikulieren kann. Die Armut ist immens, die Produktivität des Landes fast nicht messbar. Es gibt kaum produzierendes Gewerbe, keine Arbeit. Auf dem Land leben zwar viele Bauern, doch deren Parzellen sind so klein, dass die Ernten meist sehr mager sind und nicht ausreichen, die großen Familien zu ernähren.
Dem Nachbarstaat, der Dominikanischen Republik, geht es deutlich besser.
Die Dominikanische Republik hat eine völlig andere Geschichte, aber vor allem hat man dort eben seit den 1960er Jahren sehr stark auf den Tourismus gesetzt und dem Land und den Leuten damit ein Einkommen gesichert.
Warum hat Haiti das nicht ebenso getan?
Die Machthaber waren daran nicht interessiert. Der heutige Tourismus beschränkt sich drauf, dass vor allem US-Kreuzfahrtschiffe für einen halben Tag vor einem abgesicherten Strand ankern. Es gibt wunderschöne Strände in Haiti, aber kaum Straßen, die dort hinführen. Die Entwicklung des Tourismus der vergangenen 30 bis 40 Jahren in der Karibik ist an Haiti völlig vorbeigegangen.
Die Hilfe der USA ist ja nicht nur der Nächstenliebe geschuldet. Was sind deren Interessen?
Neben der humanitären Hilfe wollen die USA auch einen stärkeren Strom von Flüchtlingen verhindern. Die Präsenz der Marines sorgt aber zunächst dafür, dass die Verteilung von Hilfsgütern sichergestellt werden kann. Das Chaos wäre noch größer, wenn die USA nicht so präsent wären. Man muss aber auch sehen, dass Haiti ein Umschlagplatz für Drogen ist. Auch das könnte ein Motiv für das amerikanische Engagement sein.
Was muss jetzt neben der dringenden Hilfe in der Katastrophe passieren?
Es muss dringend eine Infrastruktur aufgebaut werden. Es müssen mehr Schulen her, Krankenhäusern und Straßen, viele grundlegende Dinge wie beispielsweise Kläranlagen.
Ist es denkbar, dass Haiti von sich aus zu stabilen Verhältnissen zurückkehren kann?
Haiti braucht mittel- bis langfristig internationale Hilfe, unter anderem das, was wir beim Deutschen Entwicklungsdienst Demokratieförderung nennen. Die Land- und Forstwirtschaft muss wieder aufgebaut werden. Stichwort: Ernährungssicherung. Es muss gewährleistet sein, dass Haiti sich zumindest in Ansätzen selbst versorgen kann.
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